Wo und Wann das „Tunesische Häkeln“ entstanden ist, weiß man heute nicht mehr so ganz genau. Einst gab es in Tunis eine besondere Webkunst. Man kann diese wunderschönen Webarbeiten bis heute etwa in Mahdia bewundern, einem Zentrum tunesischer Woll- und Seidenspinnerei. Wer schon einmal im klassischen Stil gehäkelt hat, wird mit der tunesischen Häkelart sofort zurechtkommen und auch Häkelneulinge finden sich in die leicht zu erlernende Grundtechnik schnell ein.

Material

Wolle bzw. Häkelgarn kann beim tunesischen Häkeln ebenso frei gewählt werden, wie beim herkömmlichen Häkeln. Am besten eignen sich Garne, die gut verzwirnt sind und nicht leicht splissen. Dadurch wird verhindert, dass man beim Abmaschen in die Wolle sticht bzw. den Wollfaden nicht vollständig über die Nadel führt. (Das ist ein nicht zu unterschätzendes Detail, wenn ein gleichmäßiges Maschenbild erzeugt werden soll.)

Die tunesische Häkelnadel unterscheidet sich etwas von der normalen Häkelnadel. Man könnte sagen, Sie stellt eine Mischung aus Häkelhaken und Stricknadel dar. Wie beim Stricken muss die gesamte Breite des Werkstücks auf der Nadel Platz finden. Es gibt starre tunesische Häkelnadeln, die einen verlängerten Griff haben. Flexibler und noch praktischer sind Häkelnadelspitzen, die ganz nach Bedarf mit einem unterschiedlich langen Seil verlängert werden können.

Unterschied zum konventionellen Häkeln

Wie sich schon anhand der etwas anderen Nadel vermuten lässt, unterscheidet sich das tunesische Häkeln ein bisschen von der uns bekannteren, „normalen“ Häkelart. Grundsätzlich gleich bleibt die Art, Maschen zu bilden. Während beim konventionellen Häkeln eine Masche nach der anderen abgehäkelt wird, arbeitet man nach der tunesischen Art immer über die gesamte Breite des Häkelstücks hinweg. Hinten angekommen wird nicht gewendet, sondern sozusagen der Rückwärtsgang eingelegt und die gerade aufgenommenen Maschen werden wieder abgemascht. Dadurch hat man beim tunesischen Häkeln immer die Vorderseite vor Augen. Da die tunesische Häkelweise ein vergleichsweise festes und wenig elastisches Häkelbild ergibt, eignet sich die Technik besonders gut für robustere Häkelarbeiten wie Taschen oder auch Tischsets.

Anleitung: Grundstich

Wie gewohnt, beginnt auch beim tunesischen Häkeln alles mit einer Luftmaschenkette. Die Länge dieser Kette bestimmt die letztendliche Breite des Häkelstücks.

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1. Reihe (von rechts nach links)

In dieser ersten Reihe und allen weiteren ungeraden Reihen holt man alle Maschen auf die Nadel. Erste Einstichstelle ist die zweite Luftmasche von der Nadel aus gesehen. Durch diese Masche hindurchstechen und den Faden durchziehen. Es liegen nun zwei Schlaufen auf der Nadel: die Endmasche der Luftmaschenkette und die gerade durchgezogene Schlaufe.

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Nach diesem Prinzip wird nun in jede Luftmasche eingestochen, der Faden durchgezogen und auf der Nadel belassen. Die Nadel füllt sich immer mehr und die Luftmaschenkette wird nach und nach kürzer. Spätestens jetzt wird klar, warum die Tunesische Häkelnadel länger ist, als man es gewöhnt ist. Bei den herkömmlichen Häkelnadeln würden die Maschen ganz rasch hinten von der Nadel purzeln. Das hier gezeigte Musterstück ist nicht besonders groß und trotzdem wäre eine normale Häkelnadel schon zu kurz. Am Ende der Luftmaschenkette angekommen, ist die 1. Reihe fertig.

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2. Reihe (von links nach rechts)

In dieser zweiten und nachher in jeder geraden Reihe mascht man die vorher aufgeschlagenen Schlaufen wieder ab.

Mit der Häkelnadel den Faden holen und durch die vorderste Masche auf der Nadel ziehen. Nun den Faden gleich noch einmal holen und gleichzeitig durch die gerade eben gebildete Masche und die rechte Nachbar-Masche auf der Nadel ziehen.

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Im weiteren Verlauf dieser Reihe immer wieder den Faden holen und sofort durch 2 Maschen ziehen. (Eine dieser Maschen ist die Arbeitsmasche, die immer wieder durch das Durchziehen entsteht und die andere ist die nächst in der Reihe nach rechts auf der Nadel, die darauf wartet abgehäkelt zu werden.)

Mit Daumen und Mittelfinger der linken Hand das abgemaschte Häkelstück halten und wenn nötig mit etwas Zug nachhelfen, falls die Maschen nicht von der Nadel gleiten möchten. Am Ende der Reihe verbleibt wieder eine letzte Schlaufe auf der Nadel.

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3. Reihe (von rechts nach links)

Jetzt werden die Maschen wieder alle aufgefasst: jeweils den Faden holen und die entstehende Schlaufe auf der Nadel belassen. Eingestochen wird erst durch die zweite Längsstrebe der Vorreihe. Dann immer wieder durch die nächste vorne zu sehende Längsstrebe hindurch den Faden holen. Mit meinem Zeigefinder bedeute ich die nächste Einstichstelle. Hinten angekommen um die vorletzte Längsstrebe hindurch den Faden holen.

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4. Und alle weiteren Reihen

Ab jetzt wiederholen sich jeweils die zweite und dritte Reihe. Zuerst werden also von rechts nach links die Maschen aufgenommen und anschließend von links nach rechts diese Maschen wieder abgehäkelt.

Insgesamt entsteht so ein recht interessantes Maschenbild: das Grundmuster beim tunesischen Häkeln. Man sieht deutlich die Längsstreben, die vorher beim Fadenholen umstochen wurden.

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Selbstverständlich gibt es auch bei der tunesischen Häkelarbeit mehrere Variationen. Indem anders eingestochen wird, der Faden anders verläuft, mit Umschlägen gearbeitet wird usw. entstehen wunderschöne Muster. Besonders wirkungsvoll kommt ein tunesisches Häkelmuster zur Geltung, wenn mit verschiedenen Farben gearbeitet wird.

Kurzzusammenfassung des Grundmusters:

  • Die 1. Reihe wie gewohnt als Luftmaschenkette arbeiten
  • In der 2. Reihe von rechts nach links arbeiten: aus jeder Luftmasche eine Masche aufnehmen und auf der Nadel liegen lassen
  • In der 3. Reihe von links nach rechts zurückarbeiten (die Arbeit nicht drehen) und die gerade aufgehäkelten Maschen wieder abmaschen
  • In der 4. Reihe um die Längsstreben der vorherigen Reihe herum jeweils wieder den Faden holen und die Maschen auf der Nadel liegen lassen
  • 5. Reihe und jede weitere ungerade Reihe: zurückhäkeln wie in der 3. Reihe
  • die 6. und alle weiteren geraden Reihen entsprechen der 4. Reihe

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