Standen Sie auch schon einmal im August vor Ihren Tomatenpflanzen und haben sich über den enormen Wildwuchs gewundert? Triebe über Triebe, alles dünn und lang, wild durcheinander und kaum noch zu bändigen? Und die kahlen Pflanzen des Nachbarn, die kaum Triebe und Blätter tragen, haben viel mehr Früchte als die eigenen?

Tomaten ausgeizen hat gleich mehrere unterschiedliche Gründe. Werden die jungen Triebe von Tomaten nicht regelmäßig entfernt, steckt die Pflanze ihre ganze Kraft in das Wachstum der Triebe und nicht – wie vom Gärtner gewünscht – in die Ausbildung der Früchte. Um dieses natürliche Verhalten zu unterbinden, werden die jungen Seitentriebe herausgenommen – das heißt im Gärtnerjargon „ausgeizen“. Zudem sind die ausgelichteten Tomatenpflanzen weniger anfällig für Krankheiten. Doch wie geizt man Tomaten richtig aus? Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Tomatensorten? Wofür das Ausgeizen gut ist und wann man es besser lässt, erfahren Sie hier.

Warum ausgeizen?

Tomatenpflanzen wachsen von Natur aus eigentlich buschig, deshalb bilden sie immer wieder neue Seitentriebe aus, die sich wiederum verzweigen. Wegen ihres Gewichtes tendieren die Triebe dann ab einer bestimmten Größe und Länge Richtung Boden. Einige Tomatensorten können Triebe bis zu vier Meter Länge erreichen. Tomatenpflanzen sind aber nur dann in der Lage, in die Höhe zu wachsen, wenn sie vom Gärtner festgebunden werden. Beim sogenannten Ausgeizen handelt es sich um eine sehr einfache gärtnerische Maßnahme: Ganz bestimmte Triebe – sogenannte Geiztriebe – werden vom Gärtner entfernt. Dadurch wird ein schlanker, aufrechter Wuchs der Tomatenpflanze erzwungen. Wer auf das Ausgeizen verzichtet und die Tomatenpflanze sich selbst – und damit ihrem natürlichen Wuchs – überlässt, erhält daher je nach Tomatensorte eine mehr oder minder buschige Pflanze.

langer Fruchttrieb bei Tomatenpflanze

Vor- und Nachteile

Das Ausgeizen von Tomatenpflanzen sorgt für Uneinigkeit unter den Gärtnern. Während die einen darauf schwören, sehen die anderen sogar die Gesundheit der Tomatenpflanze gefährdet. Beide Seiten haben ihre Argumente, mit denen sie nicht ganz falsch liegen. Ob Tomaten vom Ausgeizen profitieren oder Schaden nehmen, hängt von ein paar unterschiedlichen Faktoren ab.

1. Vorteile

  • Geiztriebe kosten die Pflanze sehr viel Energie
  • wenige Triebe bedeuten mehr Energie für die Früchte
  • reichere Ernte auf kleinerem Raum möglich
  • beugt der Ausbreitung von Pilzerkrankungen vor (Triebe stehen luftiger)

2. Nachteile

  • offene Wunden erleichtern den Eintritt von Krankheitserregern
  • Stabilität durch den Höhenwuchs reduziert (muss angebunden werden)
  • Verwechslungsgefahr mit Fruchttrieben

Zeitpunkt

Es mag sich die Frage stellen, wie oft eigentlich ausgegeizt werden muss. Das ist einfach erklärt: regelmäßig.

Jungpflanzen werden in den ersten Wochen nicht ausgegeizt. Zunächst soll sich die Pflanze frei entwickeln können. In der Regel bildet sich bei Tomatenpflanzen zunächst ein Haupttrieb mit Blättern, der sich nach einigen Wochen und einer Höhe von etwa 20 bis 30 cm das erste Mal verzweigt. In dieser Phase wäre eine Einkürzung der Triebe sehr schädlich für die Pflanze.

Sobald die jungen Tomatenpflanzen ins Beet (oder in einen Kübel auf den Balkon) gesetzt werden, beginnt auch das Ausgeizen. Diese Maßnahme wird so lange durchgeführt, bis die Früchte erntereif sind. Das ist bei Freilandtomaten in der Regel zwischen Juni und September der Fall. Danach kann auf ein weiteres Ausgeizen verzichtet werden. Sinnvoll ist eine wöchentliche Kontrolle der einzelnen Pflanzen, denn junge Geiztriebe lassen sich nicht nur einfacher entfernen, sie entziehen der Pflanze auch noch keine großen Mengen an Nährstoffen. Zudem sind die Wunden, die sich beim Ausgeizen bilden, bei jungen Trieben noch recht klein. Die Gefahr eindringender Keime wird daher minimiert.

  • zwischen Juni und September ausgeizen
  • nur an trockenen, warmen Tagen ausgeizen
  • am besten morgens
  • Tomatenpflanze am Vorabend gut wässern
  • direkt vor dem Ausgeizen nicht gießen
  • Pflanze mindestens einmal wöchentlich kontrollieren
  • zur Hauptwachstumszeit etwa alle drei bis vier Tage
  • bis zu drei kräftige Triebe stehen lassen
  • alle anderen entfernen
  • auch bereits blühende Geiztriebe entfernen

Tipp: Hat die Tomatenpflanze sehr wenig Blattwerk, kann der eine oder andere zusätzliche Trieb stehen bleiben.

Fruchttriebe und Geiztriebe erkennen

Unerfahrene Gärtner haben oft große Bedenken, dass sie beim Ausgeizen versehentlich die falschen Triebe herausnehmen: Statt der unerwünschten Geiztriebe nämlich solche, die eigentlich Früchte tragen würden. Für viele Gärtner ist das der Hauptgrund, Tomatenpflanzen überhaupt nicht auszugeizen. Dabei ist es wirklich ganz einfach, die Triebe zu unterscheiden.

Geiztrieb bei Tomatenpflanze

Erkennungsmerkmale für Geiztriebe:

  • sind keine primären Austriebe aus dem Haupttrieb
  • wachsen in den Blattachseln
  • sprießen mittig zwischen zwei Stängeln (dem Haupt- und Seitentrieb oder Blatt)
  • manchmal wachsen Geiztriebe auch hinter Blütenständen

Anleitung zum Ausgeizen

Beginnen die Geiztriebe gerade erst zu sprießen, sind sie im Gegensatz zu älteren (leicht holzigen) Trieben noch sehr weich. Daher können sie problemlos per Hand ausgegeizt werden. Der neue Trieb, der sich in der Achsel bereits vorhandener Seitentriebe bildet, kann also einfach mit den Fingernägeln abgeknipst werden. Sind die Triebe schon älter und damit härter, empfiehlt sich scharfes, sauberes Schnittwerkzeug wie eine Schere oder ein Messer. Je schärfer das Werkzeug ist, umso weniger belasten und beschädigen Sie beim Ausgeizen die Tomatenpflanze.

Tomaten ausgeizen

Unerfahrene Gärtner verwechseln gerne die jungen Seitentriebe mit den Fruchtansätzen. Damit Sie nicht versehentlich die Fruchtansätze herausnehmen, sollten Sie diese am besten ein wenig wachsen lassen. Werden die Triebe größer, ist der Unterschied deutlich zu erkennen. Während normale Triebe mit einem Paar grüner Blätter ihr Wachstum beginnen, bilden Fruchtansätze in der Regel gelbe Blüten ohne Blätter aus.

  • Geiztriebe immer möglichst früh entfernen
  • am besten bei 5-10 cm Länge
  • alle Triebe von unten nach oben kontrollieren
  • häufiger ausgeizen erleichtert die Arbeit
  • dann sind die Geiztriebe noch sehr weich
  • immer unterhalb des ersten Blattpaares ausgeizen
  • nicht zu tief in die Achsel schneiden
  • ein bis maximal drei kräftige Triebe stehen lassen
  • alle anderen Triebe ausgeizen

Es kann ruhig ein etwa 1 cm langer Stumpf des Triebes stehen bleiben. Wird der ungewünschte Trieb unterhalb des ersten Blattpaares entfernt, hat der verbleibende Rest keinen Vegetationspunkt (Auge) mehr und kann daher keine neuen Seitentriebe ausbilden. Es ist darauf zu achten, dass der Trieb niemals zu tief in der Blattachsel herausgenommen wird, denn das führt dazu, dass die Wunde zu groß wird. Zudem ist es möglich, dass bestehende Seitentriebe ihre Stabilität verlieren und abbrechen.

Sicherheitshinweise

Das Ausgeizen von Tomatenpflanzen ist im Prinzip ganz einfach. Werden wichtige Grundregeln jedoch nicht beachtet, nimmt die Pflanze schnell Schaden.

  • immer auf Sauberkeit achten
  • Hände vor dem Ausgeizen waschen
  • Schnittwerkzeuge müssen scharf und sauber sein
  • niemals an den Geiztrieben reißen
  • möglichst gut angebundene Tomatenpflanzen ausgeizen
  • nur bei trockenem, warmem Wetter ausgeizen
  • nicht direkt nach dem Ausgeizen Wasser über die Blätter gießen

Ausnahmen

Tomatenpflanzen, die sehr wenig Blattwerk ausgebildet haben, weil sie eventuell zu dunkel standen oder wegen einer Erkrankung nur spärlich belaubt sind, bekommen zusätzliche Triebe, indem ein oder zwei Geiztriebe stehen bleiben. Wenn der Haupttrieb abbrechen sollte, kann innerhalb der nächsten zwei Wochen ein Nebentrieb oder Geiztrieb als Ersatz weitergezogen werden. Häufig bilden Tomaten am Wurzelansatz neue Nebentriebe, diese können zu diesem Zweck verwendet werden. Fehlen diese Triebe, wird der unterste, kräftigste Trieb ausgewählt.

Stabtomaten

Nicht jede Tomatensorte muss und darf ausgegeizt werden. Lediglich Stabtomaten bekommt diese Maßnahme gut. Stabtomaten sind die am weitesten verbreiteten Tomatensorten, Ihr Anteil an der weltweiten Tomatenernte macht etwa 70% aus. Bei Stabtomaten handelt es sich um Tomatensorten, die während der gesamten Vegetationsperiode lange Triebe bilden (1,5-2,5 m). Damit diese Triebe nicht auf den Boden sinken oder abknicken, müssen sie mit Stäben oder speziellen Rankhilfen gestützt und angebunden werden. Stabtomaten bilden bis zum Herbst permanent neue Blätter und Blüten. Damit sich die Früchte gut entwickeln, sollten die Pflanzen stetig ausgegeizt werden. Zudem wird im August die Triebspitze gekappt, damit die ganze Kraft in den letzten Wochen in das Ausreifen der Tomatenfrüchte gesteckt wird.

Reife und unreife Tomaten

Einige Tomatensorten wie etwa ‚Liguria‘, ‚Striped Roman‘ und ‚Schwarze Birne‘ bilden nicht nur Geiztriebe, sondern verzweigen sich ähnlich wie Paprikapflanzen. Für diese Verzweigungen gilt dasselbe wie für Geiztriebe. Bei Platzmangel sollten diese Triebe frühestmöglich entfernt werden, damit die Wunde schnell abheilen kann. Allerdings lassen sich die regulären Triebe nicht einfach herausbrechen, sie werden deshalb am besten mit der Gartenschere oder einem scharfen Messer entfernt.

Busch- und Strauchtomaten

Während viele Tomatensorten lange Triebe bilden und angebunden werden müssen, ist das buschige Wachstum bei Strauch- und Buschtomaten durchaus gewünscht und sollte auch nicht unterbunden werden. Bei Buschtomaten hören die Triebe von alleine auf zu wachsen, wenn sich einige wenige Blätter und Blütenstände gebildet haben. Aus diesem Grund sind sie deutlich kleiner und kompakter als Stabtomaten.

Alle Tomatensorten, die lediglich Wuchshöhen von bis zu 60 cm erreichen, dürfen ihre Triebe komplett behalten. Das Ausgeizen entfällt bei diesen Sorten. Wegen der niedrigen Wuchshöhe benötigen diese Tomatensorten jeden einzelnen Trieb, damit sie in die Breite wachsen. Nur so kann die Tomatenpflanze eine ausreichende Anzahl von Früchten produzieren. Dicht belaubte Tomatenpflanzen trocknen bei Regen schlecht ab, deshalb werden sie häufig von Pilzerregern heimgesucht. Um eine Infektion zu verhindern, ist es sinnvoll, sie in einem Abstand von mindestens einem Meter zu pflanzen und zudem zu überdachen. Zu den beliebten Strauchtomaten gehören folgende Sorten, die keine Stütze und kein Ausgeizen benötigen:

  • Balkonstar: rote Buschtomate mit Wuchshöhen um die 40 cm
  • Primabell: rote Buschtomate, bis 25 cm Wuchshöhe
  • Primagold: gelbe Topftomate (25 cm Höhe)

Tipp: Strauchtomaten produzieren von Natur aus nur etwa 50% der Fruchtmenge, die Stabtomaten liefern. Daran ändert auch das Ausgeizen nichts.

Wildtomaten

Wildtomaten bilden beim Ausgeizen eine weitere Ausnahme. Bei Wildtomatensorten spielt es überhaupt keine Rolle für die Fruchtbildung, ob sie ausgegeizt werden oder nicht. Die Früchte bleiben gleich groß und auch die Anzahl verändert sich nicht. Viele Hersteller schreiben bereits gleich in die Saatanleitung, ob die Sorte angebunden oder ausgegeizt werden muss. Bei den meisten Sorten ist ein Ausgeizen nicht notwendig. Wächst die Tomatenpflanze jedoch allzu wild, so hilft auch hier ein vorsichtiges Ausgeizen.

Beispiele für Wildtomaten

  • Johannisbeertomate: kleine, aromatische Früchte, kein Anbinden oder Ausgeizen notwendig
  • Rote Ribisel: 1,5 cm große, aromatische Früchte, ohne Anbinden und Ausgeizen

Stecklinge

Geiztriebe eignen sich übrigens hervorragend zur Stecklingsvermehrung. Sollten also noch zusätzliche Pflanzen gebraucht werden, kann ein solcher Geiztrieb einfach in die feuchte Erde gesteckt werden. Der Steckling wurzelt in der Regel bereits nach einer Woche.

Tomaten an der Pflanze

Tipps für Schnellleser

  • Ausgeizen bezeichnet das Herausnehmen spezieller Triebe
  • es bilden sich mehr und größere Früchte
  • die Pflanze wächst in die Höhe
  • lange Triebe unbedingt anbinden
  • nur zwei bis drei Haupttriebe stehen lassen
  • alle Geiztriebe entfernen
  • Geiztriebe bilden sich in der Blattachsel
  • manchmal auch hinter den Blüten
  • Geiztriebe möglichst frühzeitig entfernen
  • junge Geiztriebe mit den Fingern herausbrechen
  • stärkere Geiztriebe mit Schere/Messer schneiden
  • nah an der Blattachsel schneiden
  • möglichst kleine Wunden verursachen
  • nur Stabtomaten ausgeizen
  • Strauchtomaten nicht ausgeizen
  • immer bei warmem, trockenen Wetter ausgeizen
  • Geiztriebe können als Dünger oder Stecklinge verwendet werden
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Feli
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